Sec

Sec's Notizen Gefundenes und Gedachtes

Samstag, 22. August 2009

Neulich wurde ich gefragt...

Ein lieber Mensch fragte mich kürzlich in einer Mail: “Was ist deine Aufgabe im Hier und Jetzt?” Nun ist es ja ganz einfach, mit einem raschen Blick in den Terminkalender, festzustellen, welche Aufgaben heute, in dieser Woche oder in diesem Monat auf mich warten. (Ja, ich benutze noch einen dieser altmodischen Terminplaner, in die man Termine mit Tinte auf Papier schreibt!) Aber gemeint waren nicht “die vielen Aufgaben”, die der moderne Mensch auf seine “ToDo-Liste” schreibt, sondern die eine wichtige, übergeordnete Aufgabe, aus der sich Sinn, Zweck und Ziel eines Lebens ableiten lassen. Oder auch umgekehrt, die Aufgabe, die sich aus Sinn, Zweck und Ziel des Lebens ergibt. Diese Frage, nach der einen, wichtigen Aufgabe im Leben oder einem bestimmten Lebensabschnitt, hat mich schon immer beschäftigt. Wozu lebe ich? Zu was, welchem Beruf, welcher Aufgabe bin ich berufen? Was ist mein Ziel? Wohin gehe ich? Und damit natürlich untrennbar verknüpft, woher komme ich?  Bei Thomas von Aquin habe ich dazu einleuchtende Gedanken gefunden (contra Gentiles):
Von Natur aus wohnt allen Menschen das Verlangen inne, die Ursachen dessen, was sie sehen, zu erkennen: daher begannen die Menschen am Anfang aus Verwunderung über das, was sie sahen, dessen Ursachen aber verborgen waren, zu philosophieren, fanden sie aber die Ursache, kamen sie zur Ruhe. Und die Untersuchung steht nicht still, bis sie zur ersten Ursache vorgedrungen ist: und >vollkommen meinen wir dann zu wissen, wenn wir die erste Ursache erkennen<. Der Mensch verlangt also von Natur aus, die erste Ursache als sein gleichsam letztes Ziel zu erkennen.” 

In einer späteren Summa beschäftigt sich Thomas mit den Ursache-Wirkungs-Verhältnissen und betont, dass wir in unserer Erfahrungswelt einen Zusammenhang von Ursache-Wirkungs-Verhältnissen vorfinden. Man kann, so seine Erkenntnis, weder die Welt verstehen noch praktische Entscheidungen treffen, wenn man nicht einen solchen ordo causarum, einen solchen regulären Zusammenhang von Ursache-Wirkungs-Verhältnissen, zugrunde legt. Thomas legt drei Möglichkeiten zugrunde: a) Selbstverursachung, b) endlose Hierarchie der Ursachen, c) eine erste Ursache. Er versucht aufzuzeigen, dass die beiden ersten Optionen unmöglich sind und daher die letzte notwendig ist.
>Wem diese Argumentation im Einzelnen wissenswert erscheint, dem empfehle ich das Büchlein “Der letzte Gottesbeweis” von Robert Spaemann, einem renomierten, zeitgenössischen Philosophen.<
Thomas von Aquin kommt jedenfalls zu dem Schluss: “Man muss notwendigerweise eine erste Wirkursache behaupten.” Thomas fügt dieser Erkenntnis ganz lapidar hinzu:”Diese, nämlich die erste Ursache in allen Wirkzusammenhängen, diese nennen alle Gott. Er ist die Ursache, auf die alles zurückgeht. Er ist der Grund der Wirklichkeit."  Nun schließt sich der Kreis meiner Gedanken. Der Grund der Wirklichkeit, all dessen, was wir sehen, erfahren, erleben, denken und fühlen, ist Gott. Die Frage nach dieser ersten Ursache stellen wir (nach Thomas von Aquin) von Natur aus, um gleichsam unser letztes Ziel zu erkennen. Die Fragen nach dem “Woher” und nach dem “Wohin” sind also für mich klar beantwortet:
  Aus Gott, als dem Grund aller Wirklichkeit, zu Gott, als dem letzten Ziel.  
Bleiben die Fragen nach dem “Warum” oder/und dem “Wozu” und damit auch die Frage nach den Etappenzielen, nach der Aufgabe im Hier und Jetzt. Hier beneide ich die Menschen, für die immer ganz klar und eindeutig feststeht, worin Sinn, Zweck und damit auch die Aufgabe in ihrem Leben besteht. In meiner Antwort an den lieben Menschen, der mich durch seine Frage zum Nachdenken gebracht hat, habe ich für mich eine ganz praktische und klare Definition meiner “großen, übergeordneten Aufgabe” in diesem Lebensabschnitt gefunden. Es bleibt aber doch ein gewisser “Restzweifel”, die leise Frage: ist es das, was Gott von mir erwartet? 

Zuspruch und Ermutigung finde ich da in den Worten Dietrich Bonhoeffers: “Denken und Handeln im Blick auf die kommende Generation, dabei ohne Furcht und Sorge jeden Tag bereit sein zu gehen – das ist die Haltung, die uns praktisch aufgezwungen ist und die tapfer durchzuhalten nicht leicht, aber notwendig ist. ../.. Der Mensch der Verantwortung, der zwischen Bindung und Freiheit steht, der als Gebundener (m. Anmerkung ’an Christus’) in Freiheit zu handeln wagen muss, findet seine Rechtfertigung weder in seiner Bindung, noch in seiner Freiheit, sondern allein in dem, der ihn in diese – menschlich unmögliche – Situation gestellt hat und die Tat von ihm fordert. Der Verantwortliche liefert sich selbst und seine Tat Gott aus.” 
Ich darf und will also meine “Lebensabschnittsaufgabe” in der Freiheit, zu der Christus uns berufen hat, wahrnehmen und meine Handlungen und Entscheidungen, die zu wagen mir das Leben täglich abfordert, seiner Gnade und Barmherzigkeit ausliefern.



Technorati-Tags: Lebensaufgabe,Gott,Ursache,Ziel

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