Sec

Sec's Notizen Gefundenes und Gedachtes

Dienstag, 15. September 2009

Heben und halten...

Seit Beginn der babylonischen Sprachverwirrung kommt es immer wieder zu, mehr oder weniger lustigen,  Mißverständnissen zwischen Menschen aus verschiedenen Sprachräumen. Seitdem mir hier im Ländle, vor mehr als fünf Jahren, freundlichst Asyl gewährt wurde, hatte ich schon etliche dieser Momente zu durchleben. Momente, in denen ich mir nicht sicher war, ob mein Gegenüber Deutscher oder ausländischer Mitbürger ist. Mittlerweile sind, in sprachlicher Hinsicht, alle Zweifel ausgeräumt:
Hier im Ländle bin ich - sprachtechnisch gesehen - der Ausländer.  Wenn Schwaben miteinander reden, fühle ich mich regelmäßig ausgegrenzt. Viele der Schwaben die ich kenne, sind deshalb schon dazu übergegangen, sich in meiner Gegenwart der Sprache zu bedienen, die sie - etwas optimistisch - als "Hochdeutsch" bezeichnen. Aber auch in diesen Fällen tauchen im Gespräch immer wieder verwirrende Ausdrücke in unverständlichen Zusammenhängen auf.

Da ist, zum Beispiel, dies nette kleine Wort "gschwind". Dies Wort ist einer der schwäbischen Universalausdrücke,  immer einsetzbar, weil die Bedeutung nicht exakt definiert ist. Ich kenne das deutsche Wort geschwind nur mit der Bedeutung "rasch" oder "schnell". Dies deutsche Wort "geschwind" und das schwäbische "gschwind"  sind aber keineswegs deckungsgleich. Wenn die Mutter meiner Zwillinge ankündigt, sie wolle noch "gschwind" mit ihrer Mutter telefonieren, dann bedeutet das nicht zwingend, dass sie sofort anrufen wird, auch nicht schnell oder gar kurz. Nein, es kann im ungünstigsten Fall bedeuten, dass sie im Laufe der nächsten Stunde, ungefähr 10 Minuten bevor wir mit unseren Zwillingen zu einer Verabredung mit Freunden aus der Gemeinde, zum Grillplatz im Wald abfahren wollen, zum Telefon greift, sich in ihr Schlafzimmer verzieht und von dort nach ungefähr einer Stunde wieder auftaucht. Mit der Bemerkung:"So, jetzt müssen wir nur noch gschwind bei meiner Mutter vorbei fahren." Womit sie dann aber tatsächlich "schnell" meint. Wenn sie mich z.B., bittet, einen unverständlichen Bescheid der Bausparkasse (ja! sie ist gebürtige Schwäbin) mal gschwind durchzulesen, dann meint sie zwar durchaus schnell, aber nicht unbedingt sofort und sie blendet dabei auch vollkommen aus, dass 3 Seiten Kleingedrucktes nicht geschwind zu lesen sind. Anders, wenn sie gerade mit irgendwelchen kreativen Tätigkeiten oder Hausarbeiten beschäftigt ist und mich bittet, mal gschwind etwas festzuhalten oder sonst irgendwie zu assistieren. Dann ist auf jeden Fall "sofort und schnell" gemeint. "Kannst du mal gschwind die Kinder beschäftigen, bis ich meine Haare frisiert habe?" meint zwar sofort, sagt aber nichts über die Dauer dieses "beschäftigen" aus. Genau so wenig, wie die Aussage:"Ich muss noch gschwind etwas mit der Nachbarin bereden." irgendeinen Rückschluß darauf zulässt, wie lange dies "gschwind bereden" wohl dauern wird.

Überhaupt "bereden" Schwaben nichts. "Schwabe schwätzet", habe ich gelernt und das ist gar nicht negativ zu verstehen. Im meinem heimatlichen Sprachraum (NRW) hat das Wort "schwätzen" eher einen negativen Beigeschmack. Schon in der Schule habe ich, durch die wiederholte Aufforderung von Lehrern und Lehrerinnen "Schwätz nicht, Adameit!", gelernt, dass Schwätzen keine gesellschaftlich anerkannte Tätigkeit ist. "Schwabe schwätzet" hat hingegen durchweg positive Bedeutungen. So kann es z.B., auch bedeuten, dass man doch über alles in Ruhe reden kann, anstatt zu streiten. Übrigens, gibt es seit einiger Zeit die heissgeliebten Asterix Bücher aus meiner Jugend auch in schwäbischer Übersetzung. Die Bezeichnung dieser Reihe "Asterix schwätzt schwäbisch" bedeutet nicht, dass Asterix nun unter die "Dummschwätzer" gegangen ist, sondern weist vielmehr darauf hin, dass Asterix neben seinen umfangreichen Kenntnissen im Gebrauch von Fremdsprachen, nun seine Fertigkeiten auch noch um die Handhabung dieses "rustikalen Idioms" erweitert hat. Der Titel des Asterixbandes (siehe Foto) "Asterix em Morgenländle" weißt auf eine weitere Besonderheit im schwäbischen Sprachgebrauch hin. Die Endung "le"!
Wie dieser Asterix Titel veranschaulicht, ist die Endung "le" nicht einfach nur eine Verniedlichung, die gewisse Rückschlüsse auf die Größe oder Bedeutung einer Sache zulässt. Beim Wort "Schwabenländle" wäre eine solche Vermutung  noch verständlich; Baden-Württemberg ist ja flächenmäßig nur ein kleiner Fleck auf der Weltkarte. Beim Begriff "Morgenländle"  wäre diese Bedeutung vollkommen verfehlt, denn zum "Morgenland" gehören ja eine ganze Reihe von Staaten, mit einer erheblichen Fläche. Dies "le" ist,  so habe ich gelernt, auch einer dieser universell nutzbaren Sprachbestandteile im Schwäbischen. 
Es kann verniedlichen, verkleinern oder abmildern. Kann liebevoll, spöttisch, herablassend oder vereinnahmend gemeint sein. Es kann aber auch einfach nur gewohnheitsmäßig eingesetzt und angewandt werden, ohne jegliche Bedeutung.

Ein letztes Beispiel noch: Das, immer wieder gern genommene, Wörtchen "heben"! Für einen "Beuteschwaben" wie ich einer bin, birgt dieses Wort ein erhebliches Verwirrungspotenzial. Als mir die Mutter meiner Zwillinge zum ersten Mal ihre Umhängetasche entgegenhielt, mit der Bemerkung: "Heb' mal!", da dachte ich noch, es ginge darum, das Gewicht dieser Tasche festzustellen und mich auf diesem Weg dazu zu veranlassen, die Tasche eine Weile zu tragen. Weit gefehlt! Die schwäbischte aller schwäbischen Zwillingsmütter, wollte sich nur kurz ihrer Tasche entledigen, um eine unserer Zwillingstöchter aus dem Kinderwagen zu "lupfen"( ="heben"). Als allerdings mein Freund Bayram, ein Schwabe türkischer Abstammung, mir, beim Aussteigen aus seinem Auto, seinen Aktenkoffer mit den gleichen Worten entgegenhielt, da dachte ich, dass ich schon fit im Gebrauch dieses Wortes sei und entgegnete ihm lässig: "Stell ihn doch einfach ab."  Mit vollkommenem Unverständnis in seinem Blick, entgegnete er mir einigermaßen irritiert:"Ich wollte dir doch nur zeigen, wie schwer der Papierkram ist, den ich zu diesen Tagungen immer mitschleppen muss." Einige Augenblicke später bat er mich erneut, seinen Aktenkoffer "mal kurz zu heben", diesmal allerdings im Sinne von "halten", da er nochmal schnell zum Auto zurückgehen wollte, um etwas aus dem Kofferraum zu holen. Hier nun die offizielle  deutsche Version dieser Worte:

Heben, im Sinne von:

Lasten  hochheben, aufheben, anheben, Gewichte heben, etc.

         

Halten, im Sinne von:

ein Ding, Baby, etc. festhalten, auf dem Arm, in der Hand halten, ein Auto anhalten, zum stehen bringen
      

Aber halt! (Im Sinne von anhalten.) Eine weitere Bedeutung des Wortes "heben" möchte ich nicht verschweigen. Als ich kürzlich mein kleines, altes Auto (mit diesem Gefährt gehöre ich unzweifelhaft zu einer automobilen Randgruppe) zur Reparatur in eine Kfz.-Werkstatt brachte, um die Bremse reparieren zu lassen, eröffnete der Meister mir bei der Abholung des Fahrzeugs, dass er leider die Bremsleitung nicht komplett austauschen konnte, dazu hätte er den Tank ausbauen müssen. Stattdessen habe er das undichte Stück der Bremsleitung herausgeschnitten und ein neues Stückchen Bremleitung eingeflickt. Auf meine zweifelnde Frage, ob diese Reparatur denn wohl auch eine Vollbremsung überstehen könne, antwortete er mir, mit stolz erhobenem Haupt und fester Stimme: "Dafür "heb" ich, dass diese Reparatur hält!" Bei nächster Gelegenheit habe ich dann bei der schwäbischten aller schwäbischen Zwillingsmütter nachgefragt, ob diese Verwendung des Wortes "heben" ihr geläufig sei - das war sie nicht! Aber als intelligenter, schwabengeprüfter Zeitgenosse, habe ich die Definition auch selbst herausgefunden:

Heben, im Sinne von: 

"halten", wie z.B. "Wort halten"
   

Mit einem freundlichen, schwäbischen Grüßle, Sec

4 Kommentare:

  1. Mensch Sec, du Eigeschwäbelter du!
    Du wirschd mir immer symbatischa! Da hascht du dir also a schwäbbisches Schneggle geangelt.
    Ned schlecht!
    Hier in Mannhem da schwätze wir kurpälzisch, des is a ned schlecht und a ned so andersch wie des schwäbisch.
    Sec, dor mit dem "hebe", dor hosch Rächd!!
    A des versteht doch ka Sau!
    Isch bin nämlich von drüm, aus Dräsden un vor siem Jahr nu hergezochen.... Alter.... des is vull der Guldurschock für misch gewese, so sprachlisch!
    Alla, isch muss misch jetzt mal gschwind um mei Wäsch kümmern.
    Schises Bank

    http://www.youtube.com/watch?v=eF3qxtO70Zw

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  2. Hey Jesus Punk :) Danke für den Link!! Obama auf Schwäbisch, das hat was.

    Grüßle, Sec

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  3. ..ich habe damals im schwäbischen Ausland meinen Zivildienst gemacht und mag den Dialekt und die Mentalität dort wirklich sehr - habe da auch meine Frau kennengelernt, die ist aber auch in NRW geboren und war nur eine "Neigeschmeckte" ;-))

    LG + Segen

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  4. Einmal im Schwabeländle gewese... da bleibt halt immer was gscheids zurück! ;-) Grüße JP

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